Multi-Disciplinary Meanderings: A Modern Framework for Engaging Dietrich Fischer-Dieskau and Die Winterreise
Dietrich Fischer-Dieskaus Verbindung zu Schuberts Winterreise sticht unter den Paarungen von Interpreten / Repertoire hervor, sowohl aufgrund der fast 50-jährigen Geschichte als auch aufgrund seines Rufs als „der“ ikonische Sänger dieses Zyklus. Während dieser Ruf und die kreativen Praktiken, die ihn begründet haben, bereits intensiv untersucht und geprägt wurden, stützten sich viele dieser Untersuchungen auf hermeneutische Betrachtungen von Aufführungen durch Kritiker und Wissenschaftler. Musikaufführungen sind von Natur aus vergänglich, was es schwierig macht, sich konkret mit den damit verbundenen auditiven Phänomenen auseinanderzusetzen. Die Performance- und Digital-Wende in der Musikwissenschaft ermöglicht ein erweitertes Umfeld für die interdisziplinäre Untersuchung der aufgezeichneten Aufführungen dieses Zyklus und der damit verbundenen kreativen Partnerschaften und regt gleichzeitig zum Nachdenken über den Habitus der musikwissenschaftlichen Praxis an.
Dieser Vortrag bietet einen Überblick über digital ermöglichte und/oder verbesserte Ansätze zur Bewertung von Fischer-Dieskaus kreativer Geschichte mit der Winterreise. In Anlehnung an die Konvention „page to stage” führt die neue Verwendung der Philologie – die Einbeziehung von Anmerkungen der Interpreten – zunächst zur Erstellung einer „Interpretationsausgabe”. Zweitens ermöglicht die Kodierung der extrahierten Aufführungsdaten innerhalb des MEI-Netzwerks die maschinelle Lesbarkeit für computergestützte Ansätze und die Datensicherung. Datengestützte Analysen jeder der (aufgezeichneten) Aufführungen und ihrer Beziehungen über Zeit und Kontexte hinweg bereichern die Untersuchung des musikalischen Schaffens und Konsums. Neben diesen Bemühungen bietet die Betrachtung der einzigartigen Kunstwelt von Fischer-Dieskau und seines Netzwerks von Mitarbeiter*innen soziologische Perspektiven auf deren Funktion und Rezeption. Kombiniert weisen diese Methoden auf einen aktualisierten konzeptionellen und methodischen Rahmen hin, um zu beurteilen, wie dieses besondere Beispiel eines Sängers, der sich so lange mit einem Werk beschäftigt hat, weiterhin das moderne Verständnis von beidem prägt.
Der Vortrag wird auf Englisch gehalten.
Dr. Joshua Neumann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für digitale Musikdokumentation der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, wo er derzeit ein mehrjähriges Projekt durchführt, das sich mit Dietrich Fischer-Dieskaus langjähriger Verbindung zu Schuberts Winterreise befasst. Seine Forschung konzentriert sich auf die digitale Erhaltung, Darstellung und Integration von schriftlichen und akustischen Musikquellen sowie die Ontologie musikalischer Werke, mit besonderem Schwerpunkt darauf, wie individuelle und kollaborative kreative Prozesse die musikalische Praxis und Rezeption prägen. Darüber hinaus untersucht seine Forschung Datenstandards, Editionen, Methoden und Infrastrukturen in digitalen und analogen Räumen aus soziologischer Perspektive.