Kanon-Konsum: Nahrungsmittelwerbung als Beitrag zu einer globalen Kulturgeschichte der Musik um 2000
Zahlreiche Werbeclips aus der internationalen Nahrungsmittelindustrie um die Jahrtausendwende dokumentieren, dass kanonisiertes musikalisches Repertoire – vor allem im Bereich des Musiktheaters – multimedial in neue Narrative integriert und kulturhistorisch rekontextualisiert worden ist. Anhand musikalisch-textueller Veränderungen lässt sich hier ein Prozess der Einhegung des zugrunde liegenden musikhistorischen Materials in neue Semantiken verfolgen.
Dabei werden nicht nur neue Sinnzusammenhänge produziert, sondern es kommt auch zu einer Überblendung bekannter musiktheatraler Szenen oder zumindest wiedererkennbarer Melodien mit alternativen audiovisuellen Narrativen. Das Verhältnis zwischen dem vermeintlich ‚ursprünglichen‘ Werk, seiner kulturhistorischen Verortung und dem Publikum erfährt dabei eine Neujustierung; zugleich kommt es mitunter zu einer grotesken Überzeichnung etablierter Klischees und Stereotype des ‚globalen Südens‘. Während die Funktion von Werbeclips zunächst klar definiert scheint, da sie in erster Linie der Vermarktung bestimmter Produkte dienen, können sie zugleich als kulturhistorische Bedeutungsträger interpretiert werden.
Im Zentrum dieses Vortrags stehen folgende Fragen, die anhand ausgewählter Fallbeispiele diskutiert werden: Auf welchen Ebenen erfolgt das beschriebene Reframing von Auszügen aus dem Kunstmusikrepertoire konkret? Inwiefern wirkt sich dies auf Aspekte wie die Kanonisierung und Entgrenzung musikhistorischer Repertoires aus? Schließlich soll kritisch beleuchtet werden, inwieweit die beschriebene Einhegung musikhistorischer Repertoires in multimediale Werbekontexte einen Beitrag zur Globalgeschichte der Musik leisten kann oder deren Ansprüchen zuwiderläuft.
Carolin Krahn ist Musikwissenschaftlerin und seit 2024 Professorin für Historische Musikwissenschaft an der Universität Kassel (DE). Von Herbst 2020 bis 2024 war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Historischen Institut in Rom tätig. Nach drei Jahren als Universitätsassistentin an der Universität Wien arbeitete sie dort an ihrem zweiten Buch über ‚Alte Musik‘ als Schlüsselkonzept im Prozess der Nationsbildung in Italien. Carolin Krahn studierte mit einem Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes die Fächer Musikwissenschaft, Alte Kirchengeschichte und Romanistik an der Universität Würzburg, am Institut Catholique de Paris und an der Universität Wien. Nach ihrem Abschluss mit einer Magisterarbeit über Eros und Thanatos in Orchesterliedern von Richard Strauss erhielt sie ein Visiting Fellowship und ein DAAD-Stipendium an der Harvard University. Von 2011 bis 2013 war Carolin Krahn Doktorandin und Stipendiatin des European Recovery Program an der Stanford University. 2017 wurde sie mit einer Dissertation über das Bild der italienischen Musik im deutschsprachigen Raum um 1800 promoviert. Daneben absolvierte sie ein Aufbaustudium in Musikvermittlung/Musikmanagement an der Hochschule für Musik Detmold und ist seit über zehn Jahren freiberuflich im musikdramaturgischen Bereich tätig.