Wir freuen uns außerordentlich, dass unsere ehemalige Kollegin Dr. Katrin Nahidi (Universität Kassel) mit dem renommierten Hammer-Purgstall-Preis 2026 der Universität Graz geehrt wird. Die feierliche Preisverleihung findet am Montag, den 23. November 2026, um 17:00 Uhr im Meerscheinschlössl in Graz statt. Im Rahmen der Veranstaltung wird Dr. Nahidi nicht nur für ihre wegweisende Forschung ausgezeichnet, sondern auch mit einem Vortrag Einblicke in ihre aktuellen Arbeiten geben.
Vortrag von Dr. Katrin Nahidi:
„Naft, Neft, Öl. Mehrsprachigkeit und Bilder der Petromoderne am Kaspischen Meer“
In ihrem Vortrag widmet sich Dr. Nahidi der Frage, wie tief unsere Geschichte, Gegenwart und Subjektivität von Rohstoffen wie Öl geprägt sind – ein Thema, das angesichts des gesellschaftlichen Umbruchs hin zu einem postfossilen Zeitalter besondere Aktualität besitzt. Sie fragt: Woher kommt das Öl, das wir verbrauchen? Am Beispiel des Öls vom Kaspischen Meer, das über verschiedene Länder und Sprachen hinweg nach Österreich gelangt, zeigt sie, wie die Begriffe naft (Persisch), neft (Aserbaidschanisch) und neft’ (Russisch) die imperialen Wege des Rohstoffs nachzeichnen.
Historisch schlägt Dr. Nahidi den Bogen zu Joseph von Hammer-Purgstall, der Persien und das Osmanische Reich philologisch erschloss, während Persien Gebiete am Kaspischen Meer an Russland verlor – just dort, wo wenig später die industrielle Ölförderung begann. Sie beleuchtet, wie Übersetzungen immer auch Verbindung und Aneignung bedeuten, und wie in Baku um 1900 Menschen vieler Sprachen, internationale Unternehmen und Imperien aufeinandertrafen. Aus repräsentationskritischer Perspektive stellt sie die Fragen: Wen zeigen die Fotografien der frühen Ölindustrie – und wen nicht? In welchen Sprachen wurden sie beschriftet und archiviert?
Gerade am Kaspischen Meer ist die Frage nach der Lesbarkeit der Archive komplex: Das Aserbaidschanische wurde auf zwei Imperien verteilt und wechselte mehrfach die Schrift, sodass ein Archiv in Schichten unterschiedlicher Lesbarkeit entstand. Dr. Nahidi verweist auf die Satirezeitschrift Molla Nasreddin, die für die Latinisierung als Schritt in die Moderne warb, und auf das Künstler:innenkollektiv Slavs and Tatars, das solche Alphabetpolitiken künstlerisch sichtbar macht.
Abschließend zeigt Dr. Nahidi, dass die Petromoderne in Baku begann und die Moderne somit kein rein westliches Produkt ist, sondern auch eine koloniale Moderne, geprägt von sowjetischer und britischer Herrschaft. Die Sichtbarkeit und Lesbarkeit des Öls sind eng miteinander verbunden – und Mehrsprachigkeit ist eine Grundvoraussetzung, um die Geschichte der Region zu verstehen. Zeitgenössische Künstler:innen wie Almagul Menlibayeva machen deutlich, dass die Folgen dieser Geschichte bis heute spürbar sind.
Wir gratulieren Dr. Katrin Nahidi herzlich zu dieser verdienten Auszeichnung und sind stolz, sie auf ihrem wissenschaftlichen Weg ein Stück begleitet zu haben.